Mit ‘Vernor Vinge’ getaggte Artikel

h1

Charles Stross: Singularität (Eschaton-Reihe #1, 2005)

11. Dezember 2009

Cover: SingularitätMit Singularität eröffnet der britische SF-Shootingstar Charles Stross eine Romanfolge, die Leserinnen und Leser vierhundert Jahre in die Zukunft entführt. Auf der Erde herrscht eine produktive transhumane Anarchie, in der politische Gewalt zwar nicht überwunden, jedoch Dank erfolgreichen Abrüstungsbemühungen der UNO zum Randphänomen geworden ist. Diese Entwicklung wurde durch eine »Singularität« in Gang gesetzt, ein außergewöhnliches Ereignis gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Von einem Augenblick auf den nächsten wurden neun Zehntel der irdischen Bevölkerung auf viele hundert Lichtjahre entfernte Welten verstreut. Verantwortlich dafür war das »Eschaton«, eine mächtige Künstliche Intelligenz aus einer posthumanen Zukunft. Der Schritt ins Zeitalter interstellarer Raumfahrt hatte die Gefahr mit sich gebracht, dass die Raumzeit von den unbedarften Menschen zu Ungunsten des Eschatons auf den Kopf gestellt würde. Um derartigen Massenteleportationen künftig vorzubeugen, wurde die Bewahrung der Zeitlinie fortan zur obersten Direktive der postnationalen »Vereinten Nationen«. Und dies wird auch zur persönlichen Mission der Heldin, UN-Oberst Rachel Mansour.

»Rochards Welt«, das planetare Sibirien der »Neuen Republik«, frühmorgens: Es regnet Handys. Was zunächst irritierend an Mobilfunkwerbung erinnert, erweist sich schon bald als Einführung in eine originelle Konfrontation von zwei gegensätzlichen Lebensweisen, die den Roman bestimmt. Auf der einen Seite die 250 Lichtjahre von der Erde entfernte besagte Neue Republik, eine feudale Diktatur aus den Geschichtsbüchern Europas, die die Klassengesellschaft des 17. Jahrhunderts gegen das transhumane Zeitalter nach innen mit der Knute durchsetzt. Nach außen verteidigt sie den gesellschaftlichen Stillstand mit einer Raumflotte, die sich zumindest relativ gesehen auf dem neusten Stand der interstellaren Raumfahrttechnik befindet. Hinter dem umgehend als bedrohlich eingestuften Handyregen steckt dagegen das »Festival«. Diese »Upload-Zivilisation«, mit einem über tausend Lichtjahre von der Erde entfernten Ursprung, hat ihren Anfang mit einem Verfahren genommen, das via Hirnupload den Ausstieg in den Cyberspace erlaubt. Der schnöden wirklichen Welt mit ihrer materiellen Endlichkeit enthoben, haben die folgenden Generationen mit humanoiden Normen nur noch wenig gemein. Irgendwann machten sich »selbst-replizierende interstellare Sonden« auf den Weg, um für das Zentrum Informationen über das Universum zu sammeln. Noch am gleichen Tag, an dem sich das Festival im Orbit von Rochards Welt bemerkbar macht, erklärt die Neue Republik den mysteriösen Eindringlingen den Krieg …

Die Skeptiker unter den SF-Begeisterten haben es schon immer gewusst: Im All trifft der Mensch nur auf das Fremde in der eigenen Spezies. So auch in Stross’ überzeugender Reanimierung der Space Opera, der der Cyberpunk in den 80er Jahren den Rang als Königsdisziplin der SF abgelaufen hat. Mit dieser Rückkehr zur großen Zukunftserzählung ist auch die Liebe zum raumfahrttechnologischen Detail verbunden. Das führt dazu, dass Stross’ kenntnisreiche Spekulationen, auf welche Arten sich das Problem der Überlichtgeschwindigkeit trotz des bekannten Einsteinschen Einspruchs umgehen ließe, stellenweise die Schwelle zum wenig unterhaltsamen Astronomieseminar überschreiten. Weitaus störender macht sich Stross’ Techno-Nerdimus in den mit endlosen monotonen Befehlen inszenierten Raumschlachten bemerkbar. Was sich bei einer eventuellen Verfilmung als bombastischer Leinwandspaß erweisen könnte, wird im Romandebüt des vormaligen Computerjournalisten zum sinnlosen Entschleuniger der ansonsten auf Thrillertempo getakteten Handlung.

Erfreulicherweise ist Stross bei den Tiefenschärfen, die die Persönlichkeiten der Hauptfiguren auszeichnet, ebenso gründlich wie bei den naturwissenschaftlichen Fiktionen. Rachel Mansour vermittelt den Leserinnen und Lesern recht lebendig, wie sich transhumane Frauenpower im Dienste der UNO ausbuchstabiert. Währenddessen legt der männliche Held, Ingenieur Martin Springfield, überzeugend dar, dass die Arbeit als »Ich-AG« auch im 25. Jahrhundert ihre Licht- und Schattenseiten hat. Und wie sich Liebe und Leidenschaft zwischen Leuten jenseits des 80. bzw. 150. Geburtstags anfühlt, denen die moderne Medizin eine körperliche Konservierung als Mittzwanziger erlaubt, kommt auch ganz gut rüber.

Das Erfolgsgeheimnis von Charles Stross’ Romandebüt, dem bereits einige Erfolge mit Kurzgeschichten voran gingen, dürfte in seinen mehr oder weniger offenen Bezugnahmen auf aktuelle politische und wissenschaftliche Diskussionen verborgen liegen. Auf unterhaltsame und kreative Weise kritisiert er die gegenwärtigen Verhältnisse aus der Perspektive einer fiktiven Zukunft. Da gibt es eine Zivilisation, die sich gegen jede Veränderung sperrt; militaristisches Denken, das im »Krieg der Informationen« scheitern muss. Dem steht eine UNO gegenüber, die die Erde mit ihrem Abrüstungsregime in ein transhumanistisches Zeitalter begleitet. Es bedarf keiner außergewöhnlichen Anstrengungen, um hier den Weg, den die USA unter der neokonservativen Bush-Regierung welt- und innenpolitisch eingeschlagen hat, in der Kritik und mit Alternativen konfrontiert zu sehen. Stross tut das nicht aus dem Affekt heraus. Seine Figuren, sein Szenario sind literarische Bearbeitungen von Diskussionen aus Programmiererszene, futuristischer Philosophie und der Science Fiction selbst.

So dockt er mit dem bekannten SF-Motiv der Materiereplikatoren an die Freie-Software-Bewegung an, die auf einen öffentlich zugänglichen Quellcode zur Weiterentwicklung von Software setzt und mit Produkten wie Linux oder Mozilla Firefox bekannt geworden ist. Dabei greift der IT-Insider Stross auf das Topthema des offensiv politischen Teils dieser Bewegung – wie etwa Oekonux – zurück: die Potentiale, die dieses Prinzip zur Überwindung der kapitalistischen Überfluss- und Mangelgesellschaft haben kann. Ein weiteres Beispiel sind die Dissidenten der Neuen Republik, die als »extropianistische Postmarxisten« eingeführt werden. Den Extropianismus gibt’s wirklich. Das ist eine Technik gläubige Ideologie, die auf eine kritische wie kreative Nutzung der Nano-, Computer- und anderer Zukunftstechnologien für eine transhumanistische Evolution setzt. Als von Karl Marx inspirierter SF-Autor schenkt Stross vor allem den weit reichenden wie chaotischen Folgen dieser Evolution seine Aufmerksamkeit. Vernor Vinge schließlich hatte die Titel gebende Idee von Stross’ Roman auf den Punkt gebracht, wonach technologische und biowissenschaftliche Entwicklungen in naher Zukunft in einer Singularität gipfeln werden, die mit der Menschwerdung einer Primatengattung auf diesem Planeten vergleichbar sei. Dieser Point of no Return ist für Vinge mit der Geburtsstunde einer übermenschlichen, künstlichen Intelligenz verbunden.

In den 1980er waren es Vinge und Autoren wie William Gibson, Neal Stephenson oder Bruce Sterling, die diese Idee aufgriffen und damit eine neue Schule der Science Fiction begründeten – den Cyberpunk. Nachdem Stephensons Cryptonomicon das Subgenre aus der stilbildenden nahen Zukunft herausgelöst und zum Erstaunen des Publikums in den Zweiten Weltkrieg und die ganz nahe Zukunft verlegt hat, ist der von Stross vollzogen Schritt nur konsequent. Er versöhnt den Cyberpunk mit der Space Opera und bedient sich dabei der Stärken beider Welten. Vom Cyberpunk übernimmt er die Tuchfühlung zur Informationsgesellschaft, von der Space Opera die großartige Möglichkeit, in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Singularity Sky (2003)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Singularität (München: Heyne, 2005)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Stephane Martiniére, 496 Seiten, TB

Zuerst veröffentlicht in Alien Contact – Das Magazin für Science Fiction und Fantasy, Nr. 68 (2005)

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.