Mit ‘Klassengesellschaft’ getaggte Artikel

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Surrogates: Wer hat Angst vorm bösen Robo

26. Januar 2010

Ein Freund bringt Surrogates – Mein zweites Ich (2009) nach dem gemeinsamen Kinobesuch treffend auf den Punkt: “Bruce Willis hat die Chance vertan, der würdige Nachfolger von Harrison Ford zu werden.” Natürlich meint er damit Fords Verkörperung von Rick Deckard in Blade Runner (1982) [1]. Und dass nicht so sehr, weil Willis sein Handwerk – das des Action-Recken – verlernt hätte oder dafür zu alt geworden wäre. Nein, Bruce gibt als FBI-Agent Tom Greer darstellerisch alles was das Drehbuch zulässt. Doch leider gibt das Werk von Michael Ferris und John D. Brancato wenig bzw. wenig erfreuliches her, das sich mit Visionslosigkeit, Technophobie oder schlicht Konservatismus umschreiben lässt.

Das fängt gleich schon bei der Einführung des Surrogates-Universums an: 98 Prozent der Weltbevölkerung bedient sich von Zuhause aus der Androiden als Stellvertreter im öffentlichen Leben. Nur die Dread-Bewegung aus fundamentalen Technikhassern stellt sich dem entgegen. Kein Wort wird darauf verwendet, wie bis ins Jahr 2017 auch nur die brutale Armut (nicht nur) in Subsahara-Afrika und Asien überwunden wurde [2]. Ganz zu schweigen davon, wie bitteschön nahezu jede und jeder auf diesem Planet über eine Hightech-Maschine wie einen Surrogate verfügen kann. Aber von einem Ende der Mangelwirtschaft kann auch in dieser Welt keineswegs die Rede sein.

Die autonome Zone der Dreads ist ein einziges Slum, das von parkähnlichen Flächen durchzogen auch einen Anklang von Südstaaten-Idylle bietet. Die Dreads sind nicht nur ängstlich, sie sind auch dreckig und hässlich – ganz so als wären sie bürgerlichen Angstfantasien von den gefährlichen Klassen entstiegen. Warum engagierte Ökofundies aus freiem Willen und eben nicht aus ökonomischer Not derart verwahrlosen sollten, ist höchst unplausibel. Dass die “Surros” unter dem Monopol des globalen Unternehmens VSI produziert werden, erinnert auch eher an Microsoft als an ein Institut einer gerechten Weltwirtschaft. Passend dazu unterhält der Konzern fragwürdige Beziehungen zum Militär.

Bemerkenswert ist allerdings die beleuchtungsstark herausgestellten Altersmale des Mittfünzigers Willis. Dem wächserndem Gesicht seines Surros gegenübergestellt, kann dieses dramaturgische Mittel durchaus als (Selbst-) Kritik am Jugendkult Hollywoods gelesen werden. Witzig ist außerdem die Zuspitzung der Internet-Stubenhockergesellschaft, wie sie am Ende des Films in Pyjamas, Morgenmänteln und Pantoffeln auf die Strassen tappt und sich das Kollektiv der Vereinzelten am Kopf kratzt. Ist spät geworden letzte Nacht … Und nicht zuletzt wird augenfällig, dass ein Bruce Willis bitteschön Glatze zu tragen hat.

Der Kick von Blade Runner besteht darin, dass er in seine dystopische Zuspitzung der Gegenwart die Frage stellt, was Menschlichkeit im Zeitalter ihrer technischen Reproduktion ausmacht. Surrogates bleibt da im wörtlichen Sinne konservativ: Die Androiden sind Avatare bar jeglicher Intelligenz. Menschlichkeit bleibt ganz bei den “Fleischsäcken”. In der Angst vorm Robo verbirgt sich so die Angst vor posthumanistischen Zuständen.

Dirk Kretschmer

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Charles Stross: Die Kinder des Saturn (2009)

6. Januar 2010

Cover: Die Kinder des SaturnCharles Stross widmet Die Kinder des Saturn »zwei Riesen der Science Fiction«. Und zwar Robert A. Heinlein und Isaac Asimov. Mit einem Zitat Sir Isaac Newtons stellt er sich auf die Schultern dieser ‘großen Autoren’ des utopisch-technischen Romans. Auch wenn entgegen der bemühten Metapher selbst die Vorgeborenen nicht als Meister vom Himmel fallen, sondern stets aus einer Wissenskommune hervor gehen, kommen diese namentlichen Bezüge nicht von ungefähr.

Meine Besprechung beginnt mit einer Skizze des Roman-Plots. Der neue Stross hat es wieder in sich. Aus der Vielzahl der historischen und gegenwärtigen Bezüge greife ich an dieser Stelle die auf Postfeminismus, Darwinismus und Raumfahrt heraus.

Posthumane Lebensformen sind Stross’ Ding. Dieses Mal entwickelt er ein wirklich radikal zu Ende gedachtes Szenario. Der Homo sapiens hat die Begrenztheit seiner Weisheit mit der Implosion seiner Existenzweise unter Beweis gestellt. Zurück geblieben sind seine Geschöpfe: mit Vernunft begabte Roboter. Für extremere Klimabedingungen geeignet, haben sie die begonnene Besiedelung des Sonnensystems zu Ende geführt und die Biosphäre der Erde aus Schlamperei förmlich abgedampft. Pink- und Green-Goo, Nano-Replikatoren zur Regulierung von Flora und Fauna, gelten seitdem als Teufelszeug.

Geprägt von den Segnungen des Humanismus haben die Künstlichen Intelligenzen nichts besseres im Sinn als eine krasse Form der Klassengesellschaft unter sich zu etablieren. Die Aristos, von ihrer Gestalt her den japanischen Mangas entsprungen, leben dank so genannter Sklavenchips ihre übelsten Machtfantasien aus. Wird einem Roboter solch ein Chip implementiert, so verliert er die relative Autonomie seiner ursprünglichen Programmierung. Nicht nur die Software, auch die Hardware haben die ausgestorbenen Schöpfer biomimetisch nach ihrem Ebenbild geschaffen. Dies gilt insbesondere für eine Generation von Roboterserien, die für persönliche Dienstleistungen konzipiert wurden.

Die Hauptfigur Freya Nakamachi-47 gehört der Schwesternschaft von Matriarchin und Kopiervorlage Rhea an. Für ihre Schöpfer hatten Rhea und ihre Schwestern den Zweck Sexsklavinnen zu sein, die den Pheromonen ihrer »Einzig Wahren Liebe« willenlos ausgeliefert sind. In den posthumanen Klassenverhältnissen dieser Bestimmung beraubt, entwickelt sich die Schwesternschaft zu einem solidarischen Netzwerk von Freelancerinnen. Jede von ihnen ist darauf bedacht Eigentümerin ihrer eigenen Ich-AG zu bleiben. Wie ihr historisches Vorbild ist auch diese Roboter-Bourgeoisie ständig vom sozialen Abstieg in die Sklaverei bedroht.

Freya befindet sich im innere Sonnensystem auf der Flucht vor einer launischen Arista als ihr ein Mitglied der Jeeves, einer Bruderschaft von vormaligen Butlern, einen Botenjob zum Mars mit Aussicht auf Festanstellung offeriert. Die Fracht ist ein lebender Organismus, der unter bestimmten Druck- und Temperaturverhältnissen in Freyas Bauchhöhle transportiert werden muss. Der wirkliche Haken besteht aber darin, von der Pink-Goo-Polizei unentdeckt den Mars zu erreichen. Aber das wird sich bald als das geringste ihrer Probleme heraus stellen. Freya schlittert geradewegs in eine politische Intrige hinein, in deren Zentrum Asimovs Robotergesetze auf eine äußerst verdrehte Weise stehen.

Cyborg-Sex im Grenzland der Ich-Konstruktionen

Prüde sind Stross-Romane ja nie. In Die Kinder des Saturn steht Sex jedoch erstmals im Mittelpunkt – zur Konstruktion von Freyas Subjektivität. Sie ist dabei keineswegs auf ihre brutale heterosexuelle Programmierung zurück geworfen – auch wenn diese ihr zwischenzeitlich den Verstand raubt. Freya hat Sex mit einem Hotel-Portier, der auf die Rezeptiontheke montiert das gesamte Hotel steuert – ja, das Hotel ist. Sie genießt das Eindringen eines KI-gesteuerten Transportmoduls zum Raumbahnhof in ihren Körper, um sie mit einer zähflüssigen Substanz zu füllen, die sie angesichts des hohen Beschleunigungsdrucks vor dem Zerquetschen bewahrt. Ihre Tarnung als Arista nötigt sie dazu, SM-Spielchen mit einer solchen zu spielen – und erwischt sich dabei, dass auch dieses sie erregt.

In keinem seiner (Post-) Cyberpunk-Romane scheinen Motive von Donna Haraways Cyborg Manifest deutlicher auf als in Stross’ Die Kinder des Saturn [1]. Die Postfeministin Haraway greift in den 1980ern den Cyborg der Science Fiction als ein neues politisches Subjekt auf, das in der Gegenwart bereits angelegt sei. Im Cyborg ist sowohl die Überwindung der Unterscheidung zwischen Frau und Mann wie die zwischen Mensch und Tier als auch die zwischen Organismus und Maschine angelegt. Die Kämpfe um die konkrete Gestalt dieser künftigen Cyborg-Welt entscheiden nach Haraway darüber, ob in dieser absolute Unterdrückung oder Befreiung die Oberhand gewinnen werden. Freya und ihre Schwestern drücken diese Ambivalenz aufs Beste aus: Am Ende der Story – Achtung: Spoiler! – hat sie die Versklavung durch die Aristos abgewendet und flüchtet sich mit einem Jeeves-Liebhaber ins Exil des äußeren Systems.

Darwinismus, eine Roboterreligion

Auf Freyas Reise zum Mars begegnet sie den Lyrae-Zwillingen, die aus einer Serie von Forschungsrobotern hervor gegangen sind. Mit einem philosophischen Dialog nerven sie ihre Mitreisenden in dem Zwilling Nummer eins den Darwinismus hochhält:

„Die Schöpfer selbst haben uns die heiligen Schriften der Evolution überliefert – die Schriften des großen Propheten Darwin, Friede seiner Seele, und seiner Jünger Dawkins und Gould. Von diesen Evangelien können wir uns leiten lassen“ (115).

In einer Welt in der das Leben selbst in das Zeitalter seiner technischen Reproduktion eingetreten ist, entbehrt die wahllose biologische Mutation als ihr Modus Operandi jeder Grundlage. Stross’ Kritik an einem dogmatischen Darwinismus, wie er eben vom britisch-kenianischen Starbiologen Richard Dawkins oder der Giordano-Bruno-Stiftung prominent vertreten wird, ist jedoch keineswegs bloßer fiktionaler Nonsens. Dawkins Fundamentalkritik an Religion als „Virus of the Mind“ hat scharfe Gegenreaktionen bis ins Lager des Atheismus selbst provoziert. Mit der Gleichsetzung des Kreationismus und anderer fundamentalistischer Strömungen mit Religion an sich predige Dawkins selbst einen „konfessionellen Atheismus“ (Herbert Schnädelbach), der den Humanismus zur Staatsreligion erhebe – vergleichbar mit der Sowjetunion [2]. Oder wie es Stross durch Freya zum Ausklang des Darwin-Jahres ausdrückt:

„Die Glaubenslehre der Evolution hat etwas an sich, das die schlimmste Art von dogmatischen, bibeltreuen, engstirnigen Leuten anzuziehen scheint. Manchmal kommt es mir so vor, als wären sie erst dann zufrieden, wenn sie alle anderen zu den eigenen religiösen Auffassungen bekehrt haben“ (116).

Physical Correctness im Dienste kritischer Technikfolgenabschätzung

Aufmerksamkeit auch für technische Details ist bei Stross nichts neues. Allerdings konnten der Physikerin im Leser vor fiktionalem durchaus mal die Haare zu berge stehen – was für ambitionierte Science Fiction ja nicht ungewöhnlich ist. In Die Kinder des Saturn entwickelt er hingegen geradezu eine Leidenschaft für physikalische Korrektheit, die Sir Isaac Newton alle Ehre erweist. Sehr witzig sind dabei die immer wieder eingestreuten Hinweise auf die Vorzüge, die Androiden in der Raumfahrt gegenüber Primaten genießen. So bekommt Freya als Eisenbahnnomadin in den bis zu –133 °C kalten Marsnächten zwar Energieprobleme, kann diese aber über eine illegale Schnittstelle mit der Zugelektronik lösen. Auf dem halbjährigen Flug zum Jupitermond Kallisto bekommt sie in einer VASIMR-Rakete die Kabine über dem kaum abgeschirmten Kernreaktor. Die ionisierende Strahlung setzt auch ihrem System zu, hinterlässt aber keine Schäden, die nicht in einer guten Werkstatt zu beheben sind.

Die NASA entwickelt seit Ende der 1970er tatsächliche eine solche VAriable Specific Impulse Magnetoplasma Rocket [3]. Dabei wird die sog. Lorentzkraft zwischen einem elektrischen Plasmafeld und seiner magnetischen Ummantelung zur Impulserzeugung ausgenutzt. Der aktuelle Prototyp liefert im Laborversuch eine Schubleistung im Kilowatt-Bereich. Für einen Marsexpress mit wenig mehr als einem Monat Reisezeit ist eine Leistung im Megawatt-Bereich anvisiert [4]. Größtes Problem ist derzeit die Energiequelle um ein entsprechendes Hochdruckplasma-Feld zu betreiben. Stross hat die heute wahrscheinlicher erscheinende Kernreaktor-Variante gewählt. Daneben sind Fusionsreaktoren im Gespräch. Sie kommen bei Stross nur in der absehbaren massiven Form des Kraftwerks vor, die nicht zum mobilen Einsatz tauglich wäre. Die noch im Status der reinen Theorie befindlichen mobilen Fusionsreaktoren sollen den großen Vorteil relativ niedriger (Ver-) Strahlungswerte besitzen [5]. Stross’ Heldin Freya lehnt jedoch Kern- wie Fusionsreaktoren gleichsam als »scheiße« ab. Auch das ist angesichts einer Geschichte der Kernspaltung, die an uneingelösten Verheißungen nicht gerade arm ist, eine wahrscheinliche Haltung für einen widerspenstigen Charakter. Und eben in dieser Neigung zum Wahrscheinlichen besteht Stross’ Hommage an Heinleins Future-History.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Saturn’s Children (2008)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Die Kinder des Saturn (München: Heyne, 2009)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Lee Gibbons, 448 Seiten, TB

Gekürzt veröffentlicht im Newsletter 12/09 von Otherland, Buchhandlung für Science Fiction & Fantasy

[1] Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften. In: Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt a. M. und New York 1995. S. 33- 72.

[2] „Richard Dawkins“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. Januar 2010, 11:56 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Richard_Dawkins&oldid=68855279 (Abgerufen: 6. Januar 2010, 18:17 UTC)

[3] Isaac Mensah: The Amazing VASMIR (openNASA, 25 March 2008)

[4] Lisa Grossman: Ion engine could one day power 39-day trips to Mars (New Scientist, 24 July 2009)

[5] »Zur Sonne, zur Freiheit«. Interview mit Günther Hasinger (der Freitag, 16.07.2009)

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Charles Stross: Singularität (Eschaton-Reihe #1, 2005)

11. Dezember 2009

Cover: SingularitätMit Singularität eröffnet der britische SF-Shootingstar Charles Stross eine Romanfolge, die Leserinnen und Leser vierhundert Jahre in die Zukunft entführt. Auf der Erde herrscht eine produktive transhumane Anarchie, in der politische Gewalt zwar nicht überwunden, jedoch Dank erfolgreichen Abrüstungsbemühungen der UNO zum Randphänomen geworden ist. Diese Entwicklung wurde durch eine »Singularität« in Gang gesetzt, ein außergewöhnliches Ereignis gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Von einem Augenblick auf den nächsten wurden neun Zehntel der irdischen Bevölkerung auf viele hundert Lichtjahre entfernte Welten verstreut. Verantwortlich dafür war das »Eschaton«, eine mächtige Künstliche Intelligenz aus einer posthumanen Zukunft. Der Schritt ins Zeitalter interstellarer Raumfahrt hatte die Gefahr mit sich gebracht, dass die Raumzeit von den unbedarften Menschen zu Ungunsten des Eschatons auf den Kopf gestellt würde. Um derartigen Massenteleportationen künftig vorzubeugen, wurde die Bewahrung der Zeitlinie fortan zur obersten Direktive der postnationalen »Vereinten Nationen«. Und dies wird auch zur persönlichen Mission der Heldin, UN-Oberst Rachel Mansour.

»Rochards Welt«, das planetare Sibirien der »Neuen Republik«, frühmorgens: Es regnet Handys. Was zunächst irritierend an Mobilfunkwerbung erinnert, erweist sich schon bald als Einführung in eine originelle Konfrontation von zwei gegensätzlichen Lebensweisen, die den Roman bestimmt. Auf der einen Seite die 250 Lichtjahre von der Erde entfernte besagte Neue Republik, eine feudale Diktatur aus den Geschichtsbüchern Europas, die die Klassengesellschaft des 17. Jahrhunderts gegen das transhumane Zeitalter nach innen mit der Knute durchsetzt. Nach außen verteidigt sie den gesellschaftlichen Stillstand mit einer Raumflotte, die sich zumindest relativ gesehen auf dem neusten Stand der interstellaren Raumfahrttechnik befindet. Hinter dem umgehend als bedrohlich eingestuften Handyregen steckt dagegen das »Festival«. Diese »Upload-Zivilisation«, mit einem über tausend Lichtjahre von der Erde entfernten Ursprung, hat ihren Anfang mit einem Verfahren genommen, das via Hirnupload den Ausstieg in den Cyberspace erlaubt. Der schnöden wirklichen Welt mit ihrer materiellen Endlichkeit enthoben, haben die folgenden Generationen mit humanoiden Normen nur noch wenig gemein. Irgendwann machten sich »selbst-replizierende interstellare Sonden« auf den Weg, um für das Zentrum Informationen über das Universum zu sammeln. Noch am gleichen Tag, an dem sich das Festival im Orbit von Rochards Welt bemerkbar macht, erklärt die Neue Republik den mysteriösen Eindringlingen den Krieg …

Die Skeptiker unter den SF-Begeisterten haben es schon immer gewusst: Im All trifft der Mensch nur auf das Fremde in der eigenen Spezies. So auch in Stross’ überzeugender Reanimierung der Space Opera, der der Cyberpunk in den 80er Jahren den Rang als Königsdisziplin der SF abgelaufen hat. Mit dieser Rückkehr zur großen Zukunftserzählung ist auch die Liebe zum raumfahrttechnologischen Detail verbunden. Das führt dazu, dass Stross’ kenntnisreiche Spekulationen, auf welche Arten sich das Problem der Überlichtgeschwindigkeit trotz des bekannten Einsteinschen Einspruchs umgehen ließe, stellenweise die Schwelle zum wenig unterhaltsamen Astronomieseminar überschreiten. Weitaus störender macht sich Stross’ Techno-Nerdimus in den mit endlosen monotonen Befehlen inszenierten Raumschlachten bemerkbar. Was sich bei einer eventuellen Verfilmung als bombastischer Leinwandspaß erweisen könnte, wird im Romandebüt des vormaligen Computerjournalisten zum sinnlosen Entschleuniger der ansonsten auf Thrillertempo getakteten Handlung.

Erfreulicherweise ist Stross bei den Tiefenschärfen, die die Persönlichkeiten der Hauptfiguren auszeichnet, ebenso gründlich wie bei den naturwissenschaftlichen Fiktionen. Rachel Mansour vermittelt den Leserinnen und Lesern recht lebendig, wie sich transhumane Frauenpower im Dienste der UNO ausbuchstabiert. Währenddessen legt der männliche Held, Ingenieur Martin Springfield, überzeugend dar, dass die Arbeit als »Ich-AG« auch im 25. Jahrhundert ihre Licht- und Schattenseiten hat. Und wie sich Liebe und Leidenschaft zwischen Leuten jenseits des 80. bzw. 150. Geburtstags anfühlt, denen die moderne Medizin eine körperliche Konservierung als Mittzwanziger erlaubt, kommt auch ganz gut rüber.

Das Erfolgsgeheimnis von Charles Stross’ Romandebüt, dem bereits einige Erfolge mit Kurzgeschichten voran gingen, dürfte in seinen mehr oder weniger offenen Bezugnahmen auf aktuelle politische und wissenschaftliche Diskussionen verborgen liegen. Auf unterhaltsame und kreative Weise kritisiert er die gegenwärtigen Verhältnisse aus der Perspektive einer fiktiven Zukunft. Da gibt es eine Zivilisation, die sich gegen jede Veränderung sperrt; militaristisches Denken, das im »Krieg der Informationen« scheitern muss. Dem steht eine UNO gegenüber, die die Erde mit ihrem Abrüstungsregime in ein transhumanistisches Zeitalter begleitet. Es bedarf keiner außergewöhnlichen Anstrengungen, um hier den Weg, den die USA unter der neokonservativen Bush-Regierung welt- und innenpolitisch eingeschlagen hat, in der Kritik und mit Alternativen konfrontiert zu sehen. Stross tut das nicht aus dem Affekt heraus. Seine Figuren, sein Szenario sind literarische Bearbeitungen von Diskussionen aus Programmiererszene, futuristischer Philosophie und der Science Fiction selbst.

So dockt er mit dem bekannten SF-Motiv der Materiereplikatoren an die Freie-Software-Bewegung an, die auf einen öffentlich zugänglichen Quellcode zur Weiterentwicklung von Software setzt und mit Produkten wie Linux oder Mozilla Firefox bekannt geworden ist. Dabei greift der IT-Insider Stross auf das Topthema des offensiv politischen Teils dieser Bewegung – wie etwa Oekonux – zurück: die Potentiale, die dieses Prinzip zur Überwindung der kapitalistischen Überfluss- und Mangelgesellschaft haben kann. Ein weiteres Beispiel sind die Dissidenten der Neuen Republik, die als »extropianistische Postmarxisten« eingeführt werden. Den Extropianismus gibt’s wirklich. Das ist eine Technik gläubige Ideologie, die auf eine kritische wie kreative Nutzung der Nano-, Computer- und anderer Zukunftstechnologien für eine transhumanistische Evolution setzt. Als von Karl Marx inspirierter SF-Autor schenkt Stross vor allem den weit reichenden wie chaotischen Folgen dieser Evolution seine Aufmerksamkeit. Vernor Vinge schließlich hatte die Titel gebende Idee von Stross’ Roman auf den Punkt gebracht, wonach technologische und biowissenschaftliche Entwicklungen in naher Zukunft in einer Singularität gipfeln werden, die mit der Menschwerdung einer Primatengattung auf diesem Planeten vergleichbar sei. Dieser Point of no Return ist für Vinge mit der Geburtsstunde einer übermenschlichen, künstlichen Intelligenz verbunden.

In den 1980er waren es Vinge und Autoren wie William Gibson, Neal Stephenson oder Bruce Sterling, die diese Idee aufgriffen und damit eine neue Schule der Science Fiction begründeten – den Cyberpunk. Nachdem Stephensons Cryptonomicon das Subgenre aus der stilbildenden nahen Zukunft herausgelöst und zum Erstaunen des Publikums in den Zweiten Weltkrieg und die ganz nahe Zukunft verlegt hat, ist der von Stross vollzogen Schritt nur konsequent. Er versöhnt den Cyberpunk mit der Space Opera und bedient sich dabei der Stärken beider Welten. Vom Cyberpunk übernimmt er die Tuchfühlung zur Informationsgesellschaft, von der Space Opera die großartige Möglichkeit, in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Singularity Sky (2003)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Singularität (München: Heyne, 2005)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Stephane Martiniére, 496 Seiten, TB

Zuerst veröffentlicht in Alien Contact – Das Magazin für Science Fiction und Fantasy, Nr. 68 (2005)

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