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Charles Stross: Die Kinder des Saturn (2009)

6. Januar 2010

Cover: Die Kinder des SaturnCharles Stross widmet Die Kinder des Saturn »zwei Riesen der Science Fiction«. Und zwar Robert A. Heinlein und Isaac Asimov. Mit einem Zitat Sir Isaac Newtons stellt er sich auf die Schultern dieser ‘großen Autoren’ des utopisch-technischen Romans. Auch wenn entgegen der bemühten Metapher selbst die Vorgeborenen nicht als Meister vom Himmel fallen, sondern stets aus einer Wissenskommune hervor gehen, kommen diese namentlichen Bezüge nicht von ungefähr.

Meine Besprechung beginnt mit einer Skizze des Roman-Plots. Der neue Stross hat es wieder in sich. Aus der Vielzahl der historischen und gegenwärtigen Bezüge greife ich an dieser Stelle die auf Postfeminismus, Darwinismus und Raumfahrt heraus.

Posthumane Lebensformen sind Stross’ Ding. Dieses Mal entwickelt er ein wirklich radikal zu Ende gedachtes Szenario. Der Homo sapiens hat die Begrenztheit seiner Weisheit mit der Implosion seiner Existenzweise unter Beweis gestellt. Zurück geblieben sind seine Geschöpfe: mit Vernunft begabte Roboter. Für extremere Klimabedingungen geeignet, haben sie die begonnene Besiedelung des Sonnensystems zu Ende geführt und die Biosphäre der Erde aus Schlamperei förmlich abgedampft. Pink- und Green-Goo, Nano-Replikatoren zur Regulierung von Flora und Fauna, gelten seitdem als Teufelszeug.

Geprägt von den Segnungen des Humanismus haben die Künstlichen Intelligenzen nichts besseres im Sinn als eine krasse Form der Klassengesellschaft unter sich zu etablieren. Die Aristos, von ihrer Gestalt her den japanischen Mangas entsprungen, leben dank so genannter Sklavenchips ihre übelsten Machtfantasien aus. Wird einem Roboter solch ein Chip implementiert, so verliert er die relative Autonomie seiner ursprünglichen Programmierung. Nicht nur die Software, auch die Hardware haben die ausgestorbenen Schöpfer biomimetisch nach ihrem Ebenbild geschaffen. Dies gilt insbesondere für eine Generation von Roboterserien, die für persönliche Dienstleistungen konzipiert wurden.

Die Hauptfigur Freya Nakamachi-47 gehört der Schwesternschaft von Matriarchin und Kopiervorlage Rhea an. Für ihre Schöpfer hatten Rhea und ihre Schwestern den Zweck Sexsklavinnen zu sein, die den Pheromonen ihrer »Einzig Wahren Liebe« willenlos ausgeliefert sind. In den posthumanen Klassenverhältnissen dieser Bestimmung beraubt, entwickelt sich die Schwesternschaft zu einem solidarischen Netzwerk von Freelancerinnen. Jede von ihnen ist darauf bedacht Eigentümerin ihrer eigenen Ich-AG zu bleiben. Wie ihr historisches Vorbild ist auch diese Roboter-Bourgeoisie ständig vom sozialen Abstieg in die Sklaverei bedroht.

Freya befindet sich im innere Sonnensystem auf der Flucht vor einer launischen Arista als ihr ein Mitglied der Jeeves, einer Bruderschaft von vormaligen Butlern, einen Botenjob zum Mars mit Aussicht auf Festanstellung offeriert. Die Fracht ist ein lebender Organismus, der unter bestimmten Druck- und Temperaturverhältnissen in Freyas Bauchhöhle transportiert werden muss. Der wirkliche Haken besteht aber darin, von der Pink-Goo-Polizei unentdeckt den Mars zu erreichen. Aber das wird sich bald als das geringste ihrer Probleme heraus stellen. Freya schlittert geradewegs in eine politische Intrige hinein, in deren Zentrum Asimovs Robotergesetze auf eine äußerst verdrehte Weise stehen.

Cyborg-Sex im Grenzland der Ich-Konstruktionen

Prüde sind Stross-Romane ja nie. In Die Kinder des Saturn steht Sex jedoch erstmals im Mittelpunkt – zur Konstruktion von Freyas Subjektivität. Sie ist dabei keineswegs auf ihre brutale heterosexuelle Programmierung zurück geworfen – auch wenn diese ihr zwischenzeitlich den Verstand raubt. Freya hat Sex mit einem Hotel-Portier, der auf die Rezeptiontheke montiert das gesamte Hotel steuert – ja, das Hotel ist. Sie genießt das Eindringen eines KI-gesteuerten Transportmoduls zum Raumbahnhof in ihren Körper, um sie mit einer zähflüssigen Substanz zu füllen, die sie angesichts des hohen Beschleunigungsdrucks vor dem Zerquetschen bewahrt. Ihre Tarnung als Arista nötigt sie dazu, SM-Spielchen mit einer solchen zu spielen – und erwischt sich dabei, dass auch dieses sie erregt.

In keinem seiner (Post-) Cyberpunk-Romane scheinen Motive von Donna Haraways Cyborg Manifest deutlicher auf als in Stross’ Die Kinder des Saturn [1]. Die Postfeministin Haraway greift in den 1980ern den Cyborg der Science Fiction als ein neues politisches Subjekt auf, das in der Gegenwart bereits angelegt sei. Im Cyborg ist sowohl die Überwindung der Unterscheidung zwischen Frau und Mann wie die zwischen Mensch und Tier als auch die zwischen Organismus und Maschine angelegt. Die Kämpfe um die konkrete Gestalt dieser künftigen Cyborg-Welt entscheiden nach Haraway darüber, ob in dieser absolute Unterdrückung oder Befreiung die Oberhand gewinnen werden. Freya und ihre Schwestern drücken diese Ambivalenz aufs Beste aus: Am Ende der Story – Achtung: Spoiler! – hat sie die Versklavung durch die Aristos abgewendet und flüchtet sich mit einem Jeeves-Liebhaber ins Exil des äußeren Systems.

Darwinismus, eine Roboterreligion

Auf Freyas Reise zum Mars begegnet sie den Lyrae-Zwillingen, die aus einer Serie von Forschungsrobotern hervor gegangen sind. Mit einem philosophischen Dialog nerven sie ihre Mitreisenden in dem Zwilling Nummer eins den Darwinismus hochhält:

„Die Schöpfer selbst haben uns die heiligen Schriften der Evolution überliefert – die Schriften des großen Propheten Darwin, Friede seiner Seele, und seiner Jünger Dawkins und Gould. Von diesen Evangelien können wir uns leiten lassen“ (115).

In einer Welt in der das Leben selbst in das Zeitalter seiner technischen Reproduktion eingetreten ist, entbehrt die wahllose biologische Mutation als ihr Modus Operandi jeder Grundlage. Stross’ Kritik an einem dogmatischen Darwinismus, wie er eben vom britisch-kenianischen Starbiologen Richard Dawkins oder der Giordano-Bruno-Stiftung prominent vertreten wird, ist jedoch keineswegs bloßer fiktionaler Nonsens. Dawkins Fundamentalkritik an Religion als „Virus of the Mind“ hat scharfe Gegenreaktionen bis ins Lager des Atheismus selbst provoziert. Mit der Gleichsetzung des Kreationismus und anderer fundamentalistischer Strömungen mit Religion an sich predige Dawkins selbst einen „konfessionellen Atheismus“ (Herbert Schnädelbach), der den Humanismus zur Staatsreligion erhebe – vergleichbar mit der Sowjetunion [2]. Oder wie es Stross durch Freya zum Ausklang des Darwin-Jahres ausdrückt:

„Die Glaubenslehre der Evolution hat etwas an sich, das die schlimmste Art von dogmatischen, bibeltreuen, engstirnigen Leuten anzuziehen scheint. Manchmal kommt es mir so vor, als wären sie erst dann zufrieden, wenn sie alle anderen zu den eigenen religiösen Auffassungen bekehrt haben“ (116).

Physical Correctness im Dienste kritischer Technikfolgenabschätzung

Aufmerksamkeit auch für technische Details ist bei Stross nichts neues. Allerdings konnten der Physikerin im Leser vor fiktionalem durchaus mal die Haare zu berge stehen – was für ambitionierte Science Fiction ja nicht ungewöhnlich ist. In Die Kinder des Saturn entwickelt er hingegen geradezu eine Leidenschaft für physikalische Korrektheit, die Sir Isaac Newton alle Ehre erweist. Sehr witzig sind dabei die immer wieder eingestreuten Hinweise auf die Vorzüge, die Androiden in der Raumfahrt gegenüber Primaten genießen. So bekommt Freya als Eisenbahnnomadin in den bis zu –133 °C kalten Marsnächten zwar Energieprobleme, kann diese aber über eine illegale Schnittstelle mit der Zugelektronik lösen. Auf dem halbjährigen Flug zum Jupitermond Kallisto bekommt sie in einer VASIMR-Rakete die Kabine über dem kaum abgeschirmten Kernreaktor. Die ionisierende Strahlung setzt auch ihrem System zu, hinterlässt aber keine Schäden, die nicht in einer guten Werkstatt zu beheben sind.

Die NASA entwickelt seit Ende der 1970er tatsächliche eine solche VAriable Specific Impulse Magnetoplasma Rocket [3]. Dabei wird die sog. Lorentzkraft zwischen einem elektrischen Plasmafeld und seiner magnetischen Ummantelung zur Impulserzeugung ausgenutzt. Der aktuelle Prototyp liefert im Laborversuch eine Schubleistung im Kilowatt-Bereich. Für einen Marsexpress mit wenig mehr als einem Monat Reisezeit ist eine Leistung im Megawatt-Bereich anvisiert [4]. Größtes Problem ist derzeit die Energiequelle um ein entsprechendes Hochdruckplasma-Feld zu betreiben. Stross hat die heute wahrscheinlicher erscheinende Kernreaktor-Variante gewählt. Daneben sind Fusionsreaktoren im Gespräch. Sie kommen bei Stross nur in der absehbaren massiven Form des Kraftwerks vor, die nicht zum mobilen Einsatz tauglich wäre. Die noch im Status der reinen Theorie befindlichen mobilen Fusionsreaktoren sollen den großen Vorteil relativ niedriger (Ver-) Strahlungswerte besitzen [5]. Stross’ Heldin Freya lehnt jedoch Kern- wie Fusionsreaktoren gleichsam als »scheiße« ab. Auch das ist angesichts einer Geschichte der Kernspaltung, die an uneingelösten Verheißungen nicht gerade arm ist, eine wahrscheinliche Haltung für einen widerspenstigen Charakter. Und eben in dieser Neigung zum Wahrscheinlichen besteht Stross’ Hommage an Heinleins Future-History.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Saturn’s Children (2008)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Die Kinder des Saturn (München: Heyne, 2009)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Lee Gibbons, 448 Seiten, TB

Gekürzt veröffentlicht im Newsletter 12/09 von Otherland, Buchhandlung für Science Fiction & Fantasy

[1] Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften. In: Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt a. M. und New York 1995. S. 33- 72.

[2] „Richard Dawkins“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. Januar 2010, 11:56 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Richard_Dawkins&oldid=68855279 (Abgerufen: 6. Januar 2010, 18:17 UTC)

[3] Isaac Mensah: The Amazing VASMIR (openNASA, 25 March 2008)

[4] Lisa Grossman: Ion engine could one day power 39-day trips to Mars (New Scientist, 24 July 2009)

[5] »Zur Sonne, zur Freiheit«. Interview mit Günther Hasinger (der Freitag, 16.07.2009)

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Charles Stross: Supernova (Eschaton-Reihe #2, 2005)

15. Dezember 2009

Cover: SupernovaCharles Stross erweitert mit Supernova den Horizont des Eschaton-Universums seines Romanerstlings Singularität sowohl mit Blick auf die Erde als auch mit der Einführung neuer Welten. Die Menschheit, von einer ihr weit überlegenden Künstlichen Intelligenz mit Namen »Eschaton« über Hunderte von Lichtjahren verstreut, ist zu einer weit ausdifferenzierten, interstellaren Spezies geworden. Auf Stross’ »Alter Erde« des 24. Jahrhunderts hat sich eine dezentrale und hochgradig automatisierte Netzwerkökonomie mit Ausstrahlung in die stellare Nachbarschaft etabliert. Politisch organisiert sich der postnationale Planet unter dem Dach der Vereinten Nationen, deren Mitglieder auch andere als ethnische oder nationale Gruppen umfassen.
Die monotheistischen Religionen sind im Niedergang begriffen bzw. stellen neben der Kosmologie und der Informatik nur eine ideologische Bezugsquelle der unzähligen Sekten der globalen Eschaton-Kultur dar. Für UN-Oberst Rachel Mansour keine ganz stressfreie Welt! Sie schlägt sich mit einer Verwaltungsbeamten der UN rum: Es geht um das liebe Geld für ihren letzten Einsatz. Vor den entsprechenden Untersuchungsausschuss zitiert, wird sie auch schon von der Polizeizentrale als einzig verfügbare Spezialistin für einen Anti-Terroreinsatz rekrutiert.

Im Mittelpunkt des Romans stehen allerdings neue außerirdische Zivilisationen mit ihren politischen Intrigen, und mittendrin die Teenage-Punkerin Wednesday. Ihre Kindheit auf der Raumstation Alt-Neufundland 4, Teil der eher randständigen Bundesrepublik Neu-Moskau, findet mit der titelgebenden Supernova ein gewaltsames Ende. Mit der Evakuierung vor der Schockwelle ohnehin schon in die prekäre Existenz von Katastrophenflüchtlingen entlassen, wird Wednesday seitdem von Mächten verfolgt, die weder Skrupel zeigen, noch daran interessiert sind, ihre Identität zu enthüllen.

Die Einzelgängerin hat nur einen einzigen Verbündeten, ihren »eingebildeten Freund« Hermann, der sich in der Not als gewandter Fluchthelfer erweist. Die Gerüchte, die Supernova sei dem Einsatz einer geächteten transtemporalen Massenvernichtungswaffe geschuldet, ruft bald Mansour und ihren Mann Martin Springfield auf den Plan. Der Verdacht fällt sofort auf Neu-Dresden, das sich mit Moskau in einem Handelsstreit befindet. Und auch »die Übermenschen« – so was wie kybernetische Nazis – haben ihre neoimperialistischen Finger im Spiel. Doch wie so oft in der interstellaren Politik, liegen die Dinge dabei nicht so einfach, wie sie zunächst scheinen …

Charles Stross tritt ein weiteres Mal gekonnt das Erbe des Crossover-Genres zwischen Cyberpunk und Space Opera an, für das Bruce Sterling mit Schismatrix den unhintergehbaren Maßstab gesetzt hat. Wieder schickt er Romanheldin Rachel Mansour in ein Abenteuer voller sozial-technologischer Phantasien, in der emanzipatorische Versprechen dicht an dicht mit Horrorszenarien liegen können. Bei aller Raffinesse im Detail macht sich der satte Umfang – diesmal sind es über 500 Seiten – einmal mehr als dramaturgischer Nachteil bemerkbar. Spätestens 75 Seiten vor dem Ende ist das politische Komplott auch für oberflächliche Leser entwirrt und aus der Handlung die Luft raus, woran auch der nachgereichte Showdown nicht viel ändern kann. Jenseits dieser verschmerzbaren Formatschwäche können die Übermenschen als Geheimbund gegen das Eschaton zu den bemerkenswerten Details von Supernova gezählt werden. Mit dieser geschickt gespielten Gut-gegen-Böse-Karte ruft Stross seiner aufgeklärten westlichen Leserschaft die bis heute fortwirkende Kraft theologischer Heilsversprechen in Erinnerung. Daneben sind die Dominanz starker Frauenrollen und deren postfeministischen Dilemmata unübersehbar.

So erweist sich zum Beispiel die Verwaltungsbeamte, an die die inoffiziell agierende UN-Agentin Mansour in Prolog und Epilog gerät, als korrupt. Rachel indes muss beim Anti-Terroreinsatz eine sexuelle Erniedrigung über sich ergehen lassen, um die Zündung eines Atombombenbausatzes zu verhindern. Darauf folgt die umgehende Hinrichtung des Vergewaltigers durch die Einsatzleiterin hinter Rachel, die pikanterweise Angestellte eines kommerziellen Polizeiunternehmens ist. Die Kindfrau Wednesday sucht, obwohl recht taff, Halt an der starken Schulter von Frank, einem durch Bürgerkriegswirren gebrochenen Online-Journalisten. Und dann ist da noch die eiskalte Staatssicherheitskommandantin der Übermenschen U. Portia Hoechst, für die Sex konsequenterweise den Status einer erlernbaren Herrschaftstechnologie hat.

Für diese zentrale Schurkenfraktion bedient sich Stross abermals eines Kunstgriffs in die Geschichtsbücher. Er greift vordergründig die politische Religion des Nationalsozialismus auf und versetzt sie in die Cyberepoche seines Eschaton-Universums. Die Übermenschen arbeiten mit Mind-Uploads und neuralen Interfaces. Letztere setzen sie für ihren Imperialismus ohne erklärten Krieg ein, indem sie vielversprechende Beamte in mittleren Laufbahnen zu ihren Marionetten machen, was die anvisierte Welt mittels Intrigen politisch destabilisiert, bis sie diese schließlich nach einigen Jahrzehnten schleichend ihrer Terrorherrschaft unterwerfen können. Die Landnahme dient ihrem höchsten Ziel, der Zerstörung des Eschatons und der Erschaffung eines Cyber-Gottes nach ihrem Bild: einem strafenden, gerechten Gott, der über das Schicksal der auserwählten Seelen richten wird, die am jüngsten Tag in sein allumfassendes Netzwerk hochgeladen werden sollen. In die reichlich angerostete Hardware aus Kruppstahl hat Stross mit anderen Worten eine Up-to-date-Conspiracy-Software installiert, die auf dem Betriebssystem der evangelikalen Fundamentalisten in den USA aufsetzt.

Einer ganz anderen, weltlichen messianischen Tradition scheint die Gottheit des Eschatons entlehnt zu sein. Stross rückt diesmal damit heraus, dass Herman nur »eine Komponente der kollektiven Intelligenz« namens Eschaton ist. Ihre Ausdehnung in der Raumzeit ist endlich und fehlbar. Das Eschaton sorgt sich um die Bewahrung der Zeitlinie, seiner posthumanen Zeitlinie. Zieht man außerdem in Betracht, dass die Füllhörner des Eschatons die multiplen menschlichen Zivilisationen auf den Stand der Produktionsmittel bringt, die Marx zu der Voraussetzung für die freie Assoziation freier Individuen gezählt hat, ist der Kern dieser Kollektiven Intelligenz made by Stross unverkennbar ein kommunistischer. Letztlich wusste bereits die Marx-MI trotz ihres heute naiv wirkenden Glaubens an den historischen Automatismus der Befreiung, dass die Geschichte von den Menschen selbst gemacht wird.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Iron Sunrise (2004)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Supernova (München: Heyne, 2005)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Stephane Martiniére, 527 Seiten, TB

Zuerst veröffentlicht in Pandora. Science Fiction & Fantasy (Online-Rezension)

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Charles Stross: Singularität (Eschaton-Reihe #1, 2005)

11. Dezember 2009

Cover: SingularitätMit Singularität eröffnet der britische SF-Shootingstar Charles Stross eine Romanfolge, die Leserinnen und Leser vierhundert Jahre in die Zukunft entführt. Auf der Erde herrscht eine produktive transhumane Anarchie, in der politische Gewalt zwar nicht überwunden, jedoch Dank erfolgreichen Abrüstungsbemühungen der UNO zum Randphänomen geworden ist. Diese Entwicklung wurde durch eine »Singularität« in Gang gesetzt, ein außergewöhnliches Ereignis gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Von einem Augenblick auf den nächsten wurden neun Zehntel der irdischen Bevölkerung auf viele hundert Lichtjahre entfernte Welten verstreut. Verantwortlich dafür war das »Eschaton«, eine mächtige Künstliche Intelligenz aus einer posthumanen Zukunft. Der Schritt ins Zeitalter interstellarer Raumfahrt hatte die Gefahr mit sich gebracht, dass die Raumzeit von den unbedarften Menschen zu Ungunsten des Eschatons auf den Kopf gestellt würde. Um derartigen Massenteleportationen künftig vorzubeugen, wurde die Bewahrung der Zeitlinie fortan zur obersten Direktive der postnationalen »Vereinten Nationen«. Und dies wird auch zur persönlichen Mission der Heldin, UN-Oberst Rachel Mansour.

»Rochards Welt«, das planetare Sibirien der »Neuen Republik«, frühmorgens: Es regnet Handys. Was zunächst irritierend an Mobilfunkwerbung erinnert, erweist sich schon bald als Einführung in eine originelle Konfrontation von zwei gegensätzlichen Lebensweisen, die den Roman bestimmt. Auf der einen Seite die 250 Lichtjahre von der Erde entfernte besagte Neue Republik, eine feudale Diktatur aus den Geschichtsbüchern Europas, die die Klassengesellschaft des 17. Jahrhunderts gegen das transhumane Zeitalter nach innen mit der Knute durchsetzt. Nach außen verteidigt sie den gesellschaftlichen Stillstand mit einer Raumflotte, die sich zumindest relativ gesehen auf dem neusten Stand der interstellaren Raumfahrttechnik befindet. Hinter dem umgehend als bedrohlich eingestuften Handyregen steckt dagegen das »Festival«. Diese »Upload-Zivilisation«, mit einem über tausend Lichtjahre von der Erde entfernten Ursprung, hat ihren Anfang mit einem Verfahren genommen, das via Hirnupload den Ausstieg in den Cyberspace erlaubt. Der schnöden wirklichen Welt mit ihrer materiellen Endlichkeit enthoben, haben die folgenden Generationen mit humanoiden Normen nur noch wenig gemein. Irgendwann machten sich »selbst-replizierende interstellare Sonden« auf den Weg, um für das Zentrum Informationen über das Universum zu sammeln. Noch am gleichen Tag, an dem sich das Festival im Orbit von Rochards Welt bemerkbar macht, erklärt die Neue Republik den mysteriösen Eindringlingen den Krieg …

Die Skeptiker unter den SF-Begeisterten haben es schon immer gewusst: Im All trifft der Mensch nur auf das Fremde in der eigenen Spezies. So auch in Stross’ überzeugender Reanimierung der Space Opera, der der Cyberpunk in den 80er Jahren den Rang als Königsdisziplin der SF abgelaufen hat. Mit dieser Rückkehr zur großen Zukunftserzählung ist auch die Liebe zum raumfahrttechnologischen Detail verbunden. Das führt dazu, dass Stross’ kenntnisreiche Spekulationen, auf welche Arten sich das Problem der Überlichtgeschwindigkeit trotz des bekannten Einsteinschen Einspruchs umgehen ließe, stellenweise die Schwelle zum wenig unterhaltsamen Astronomieseminar überschreiten. Weitaus störender macht sich Stross’ Techno-Nerdimus in den mit endlosen monotonen Befehlen inszenierten Raumschlachten bemerkbar. Was sich bei einer eventuellen Verfilmung als bombastischer Leinwandspaß erweisen könnte, wird im Romandebüt des vormaligen Computerjournalisten zum sinnlosen Entschleuniger der ansonsten auf Thrillertempo getakteten Handlung.

Erfreulicherweise ist Stross bei den Tiefenschärfen, die die Persönlichkeiten der Hauptfiguren auszeichnet, ebenso gründlich wie bei den naturwissenschaftlichen Fiktionen. Rachel Mansour vermittelt den Leserinnen und Lesern recht lebendig, wie sich transhumane Frauenpower im Dienste der UNO ausbuchstabiert. Währenddessen legt der männliche Held, Ingenieur Martin Springfield, überzeugend dar, dass die Arbeit als »Ich-AG« auch im 25. Jahrhundert ihre Licht- und Schattenseiten hat. Und wie sich Liebe und Leidenschaft zwischen Leuten jenseits des 80. bzw. 150. Geburtstags anfühlt, denen die moderne Medizin eine körperliche Konservierung als Mittzwanziger erlaubt, kommt auch ganz gut rüber.

Das Erfolgsgeheimnis von Charles Stross’ Romandebüt, dem bereits einige Erfolge mit Kurzgeschichten voran gingen, dürfte in seinen mehr oder weniger offenen Bezugnahmen auf aktuelle politische und wissenschaftliche Diskussionen verborgen liegen. Auf unterhaltsame und kreative Weise kritisiert er die gegenwärtigen Verhältnisse aus der Perspektive einer fiktiven Zukunft. Da gibt es eine Zivilisation, die sich gegen jede Veränderung sperrt; militaristisches Denken, das im »Krieg der Informationen« scheitern muss. Dem steht eine UNO gegenüber, die die Erde mit ihrem Abrüstungsregime in ein transhumanistisches Zeitalter begleitet. Es bedarf keiner außergewöhnlichen Anstrengungen, um hier den Weg, den die USA unter der neokonservativen Bush-Regierung welt- und innenpolitisch eingeschlagen hat, in der Kritik und mit Alternativen konfrontiert zu sehen. Stross tut das nicht aus dem Affekt heraus. Seine Figuren, sein Szenario sind literarische Bearbeitungen von Diskussionen aus Programmiererszene, futuristischer Philosophie und der Science Fiction selbst.

So dockt er mit dem bekannten SF-Motiv der Materiereplikatoren an die Freie-Software-Bewegung an, die auf einen öffentlich zugänglichen Quellcode zur Weiterentwicklung von Software setzt und mit Produkten wie Linux oder Mozilla Firefox bekannt geworden ist. Dabei greift der IT-Insider Stross auf das Topthema des offensiv politischen Teils dieser Bewegung – wie etwa Oekonux – zurück: die Potentiale, die dieses Prinzip zur Überwindung der kapitalistischen Überfluss- und Mangelgesellschaft haben kann. Ein weiteres Beispiel sind die Dissidenten der Neuen Republik, die als »extropianistische Postmarxisten« eingeführt werden. Den Extropianismus gibt’s wirklich. Das ist eine Technik gläubige Ideologie, die auf eine kritische wie kreative Nutzung der Nano-, Computer- und anderer Zukunftstechnologien für eine transhumanistische Evolution setzt. Als von Karl Marx inspirierter SF-Autor schenkt Stross vor allem den weit reichenden wie chaotischen Folgen dieser Evolution seine Aufmerksamkeit. Vernor Vinge schließlich hatte die Titel gebende Idee von Stross’ Roman auf den Punkt gebracht, wonach technologische und biowissenschaftliche Entwicklungen in naher Zukunft in einer Singularität gipfeln werden, die mit der Menschwerdung einer Primatengattung auf diesem Planeten vergleichbar sei. Dieser Point of no Return ist für Vinge mit der Geburtsstunde einer übermenschlichen, künstlichen Intelligenz verbunden.

In den 1980er waren es Vinge und Autoren wie William Gibson, Neal Stephenson oder Bruce Sterling, die diese Idee aufgriffen und damit eine neue Schule der Science Fiction begründeten – den Cyberpunk. Nachdem Stephensons Cryptonomicon das Subgenre aus der stilbildenden nahen Zukunft herausgelöst und zum Erstaunen des Publikums in den Zweiten Weltkrieg und die ganz nahe Zukunft verlegt hat, ist der von Stross vollzogen Schritt nur konsequent. Er versöhnt den Cyberpunk mit der Space Opera und bedient sich dabei der Stärken beider Welten. Vom Cyberpunk übernimmt er die Tuchfühlung zur Informationsgesellschaft, von der Space Opera die großartige Möglichkeit, in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Singularity Sky (2003)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Singularität (München: Heyne, 2005)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Stephane Martiniére, 496 Seiten, TB

Zuerst veröffentlicht in Alien Contact – Das Magazin für Science Fiction und Fantasy, Nr. 68 (2005)

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