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Charles Stross: Die Kinder des Saturn (2009)

6. Januar 2010

Cover: Die Kinder des SaturnCharles Stross widmet Die Kinder des Saturn »zwei Riesen der Science Fiction«. Und zwar Robert A. Heinlein und Isaac Asimov. Mit einem Zitat Sir Isaac Newtons stellt er sich auf die Schultern dieser ‘großen Autoren’ des utopisch-technischen Romans. Auch wenn entgegen der bemühten Metapher selbst die Vorgeborenen nicht als Meister vom Himmel fallen, sondern stets aus einer Wissenskommune hervor gehen, kommen diese namentlichen Bezüge nicht von ungefähr.

Meine Besprechung beginnt mit einer Skizze des Roman-Plots. Der neue Stross hat es wieder in sich. Aus der Vielzahl der historischen und gegenwärtigen Bezüge greife ich an dieser Stelle die auf Postfeminismus, Darwinismus und Raumfahrt heraus.

Posthumane Lebensformen sind Stross’ Ding. Dieses Mal entwickelt er ein wirklich radikal zu Ende gedachtes Szenario. Der Homo sapiens hat die Begrenztheit seiner Weisheit mit der Implosion seiner Existenzweise unter Beweis gestellt. Zurück geblieben sind seine Geschöpfe: mit Vernunft begabte Roboter. Für extremere Klimabedingungen geeignet, haben sie die begonnene Besiedelung des Sonnensystems zu Ende geführt und die Biosphäre der Erde aus Schlamperei förmlich abgedampft. Pink- und Green-Goo, Nano-Replikatoren zur Regulierung von Flora und Fauna, gelten seitdem als Teufelszeug.

Geprägt von den Segnungen des Humanismus haben die Künstlichen Intelligenzen nichts besseres im Sinn als eine krasse Form der Klassengesellschaft unter sich zu etablieren. Die Aristos, von ihrer Gestalt her den japanischen Mangas entsprungen, leben dank so genannter Sklavenchips ihre übelsten Machtfantasien aus. Wird einem Roboter solch ein Chip implementiert, so verliert er die relative Autonomie seiner ursprünglichen Programmierung. Nicht nur die Software, auch die Hardware haben die ausgestorbenen Schöpfer biomimetisch nach ihrem Ebenbild geschaffen. Dies gilt insbesondere für eine Generation von Roboterserien, die für persönliche Dienstleistungen konzipiert wurden.

Die Hauptfigur Freya Nakamachi-47 gehört der Schwesternschaft von Matriarchin und Kopiervorlage Rhea an. Für ihre Schöpfer hatten Rhea und ihre Schwestern den Zweck Sexsklavinnen zu sein, die den Pheromonen ihrer »Einzig Wahren Liebe« willenlos ausgeliefert sind. In den posthumanen Klassenverhältnissen dieser Bestimmung beraubt, entwickelt sich die Schwesternschaft zu einem solidarischen Netzwerk von Freelancerinnen. Jede von ihnen ist darauf bedacht Eigentümerin ihrer eigenen Ich-AG zu bleiben. Wie ihr historisches Vorbild ist auch diese Roboter-Bourgeoisie ständig vom sozialen Abstieg in die Sklaverei bedroht.

Freya befindet sich im innere Sonnensystem auf der Flucht vor einer launischen Arista als ihr ein Mitglied der Jeeves, einer Bruderschaft von vormaligen Butlern, einen Botenjob zum Mars mit Aussicht auf Festanstellung offeriert. Die Fracht ist ein lebender Organismus, der unter bestimmten Druck- und Temperaturverhältnissen in Freyas Bauchhöhle transportiert werden muss. Der wirkliche Haken besteht aber darin, von der Pink-Goo-Polizei unentdeckt den Mars zu erreichen. Aber das wird sich bald als das geringste ihrer Probleme heraus stellen. Freya schlittert geradewegs in eine politische Intrige hinein, in deren Zentrum Asimovs Robotergesetze auf eine äußerst verdrehte Weise stehen.

Cyborg-Sex im Grenzland der Ich-Konstruktionen

Prüde sind Stross-Romane ja nie. In Die Kinder des Saturn steht Sex jedoch erstmals im Mittelpunkt – zur Konstruktion von Freyas Subjektivität. Sie ist dabei keineswegs auf ihre brutale heterosexuelle Programmierung zurück geworfen – auch wenn diese ihr zwischenzeitlich den Verstand raubt. Freya hat Sex mit einem Hotel-Portier, der auf die Rezeptiontheke montiert das gesamte Hotel steuert – ja, das Hotel ist. Sie genießt das Eindringen eines KI-gesteuerten Transportmoduls zum Raumbahnhof in ihren Körper, um sie mit einer zähflüssigen Substanz zu füllen, die sie angesichts des hohen Beschleunigungsdrucks vor dem Zerquetschen bewahrt. Ihre Tarnung als Arista nötigt sie dazu, SM-Spielchen mit einer solchen zu spielen – und erwischt sich dabei, dass auch dieses sie erregt.

In keinem seiner (Post-) Cyberpunk-Romane scheinen Motive von Donna Haraways Cyborg Manifest deutlicher auf als in Stross’ Die Kinder des Saturn [1]. Die Postfeministin Haraway greift in den 1980ern den Cyborg der Science Fiction als ein neues politisches Subjekt auf, das in der Gegenwart bereits angelegt sei. Im Cyborg ist sowohl die Überwindung der Unterscheidung zwischen Frau und Mann wie die zwischen Mensch und Tier als auch die zwischen Organismus und Maschine angelegt. Die Kämpfe um die konkrete Gestalt dieser künftigen Cyborg-Welt entscheiden nach Haraway darüber, ob in dieser absolute Unterdrückung oder Befreiung die Oberhand gewinnen werden. Freya und ihre Schwestern drücken diese Ambivalenz aufs Beste aus: Am Ende der Story – Achtung: Spoiler! – hat sie die Versklavung durch die Aristos abgewendet und flüchtet sich mit einem Jeeves-Liebhaber ins Exil des äußeren Systems.

Darwinismus, eine Roboterreligion

Auf Freyas Reise zum Mars begegnet sie den Lyrae-Zwillingen, die aus einer Serie von Forschungsrobotern hervor gegangen sind. Mit einem philosophischen Dialog nerven sie ihre Mitreisenden in dem Zwilling Nummer eins den Darwinismus hochhält:

„Die Schöpfer selbst haben uns die heiligen Schriften der Evolution überliefert – die Schriften des großen Propheten Darwin, Friede seiner Seele, und seiner Jünger Dawkins und Gould. Von diesen Evangelien können wir uns leiten lassen“ (115).

In einer Welt in der das Leben selbst in das Zeitalter seiner technischen Reproduktion eingetreten ist, entbehrt die wahllose biologische Mutation als ihr Modus Operandi jeder Grundlage. Stross’ Kritik an einem dogmatischen Darwinismus, wie er eben vom britisch-kenianischen Starbiologen Richard Dawkins oder der Giordano-Bruno-Stiftung prominent vertreten wird, ist jedoch keineswegs bloßer fiktionaler Nonsens. Dawkins Fundamentalkritik an Religion als „Virus of the Mind“ hat scharfe Gegenreaktionen bis ins Lager des Atheismus selbst provoziert. Mit der Gleichsetzung des Kreationismus und anderer fundamentalistischer Strömungen mit Religion an sich predige Dawkins selbst einen „konfessionellen Atheismus“ (Herbert Schnädelbach), der den Humanismus zur Staatsreligion erhebe – vergleichbar mit der Sowjetunion [2]. Oder wie es Stross durch Freya zum Ausklang des Darwin-Jahres ausdrückt:

„Die Glaubenslehre der Evolution hat etwas an sich, das die schlimmste Art von dogmatischen, bibeltreuen, engstirnigen Leuten anzuziehen scheint. Manchmal kommt es mir so vor, als wären sie erst dann zufrieden, wenn sie alle anderen zu den eigenen religiösen Auffassungen bekehrt haben“ (116).

Physical Correctness im Dienste kritischer Technikfolgenabschätzung

Aufmerksamkeit auch für technische Details ist bei Stross nichts neues. Allerdings konnten der Physikerin im Leser vor fiktionalem durchaus mal die Haare zu berge stehen – was für ambitionierte Science Fiction ja nicht ungewöhnlich ist. In Die Kinder des Saturn entwickelt er hingegen geradezu eine Leidenschaft für physikalische Korrektheit, die Sir Isaac Newton alle Ehre erweist. Sehr witzig sind dabei die immer wieder eingestreuten Hinweise auf die Vorzüge, die Androiden in der Raumfahrt gegenüber Primaten genießen. So bekommt Freya als Eisenbahnnomadin in den bis zu –133 °C kalten Marsnächten zwar Energieprobleme, kann diese aber über eine illegale Schnittstelle mit der Zugelektronik lösen. Auf dem halbjährigen Flug zum Jupitermond Kallisto bekommt sie in einer VASIMR-Rakete die Kabine über dem kaum abgeschirmten Kernreaktor. Die ionisierende Strahlung setzt auch ihrem System zu, hinterlässt aber keine Schäden, die nicht in einer guten Werkstatt zu beheben sind.

Die NASA entwickelt seit Ende der 1970er tatsächliche eine solche VAriable Specific Impulse Magnetoplasma Rocket [3]. Dabei wird die sog. Lorentzkraft zwischen einem elektrischen Plasmafeld und seiner magnetischen Ummantelung zur Impulserzeugung ausgenutzt. Der aktuelle Prototyp liefert im Laborversuch eine Schubleistung im Kilowatt-Bereich. Für einen Marsexpress mit wenig mehr als einem Monat Reisezeit ist eine Leistung im Megawatt-Bereich anvisiert [4]. Größtes Problem ist derzeit die Energiequelle um ein entsprechendes Hochdruckplasma-Feld zu betreiben. Stross hat die heute wahrscheinlicher erscheinende Kernreaktor-Variante gewählt. Daneben sind Fusionsreaktoren im Gespräch. Sie kommen bei Stross nur in der absehbaren massiven Form des Kraftwerks vor, die nicht zum mobilen Einsatz tauglich wäre. Die noch im Status der reinen Theorie befindlichen mobilen Fusionsreaktoren sollen den großen Vorteil relativ niedriger (Ver-) Strahlungswerte besitzen [5]. Stross’ Heldin Freya lehnt jedoch Kern- wie Fusionsreaktoren gleichsam als »scheiße« ab. Auch das ist angesichts einer Geschichte der Kernspaltung, die an uneingelösten Verheißungen nicht gerade arm ist, eine wahrscheinliche Haltung für einen widerspenstigen Charakter. Und eben in dieser Neigung zum Wahrscheinlichen besteht Stross’ Hommage an Heinleins Future-History.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Saturn’s Children (2008)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Die Kinder des Saturn (München: Heyne, 2009)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Lee Gibbons, 448 Seiten, TB

Gekürzt veröffentlicht im Newsletter 12/09 von Otherland, Buchhandlung für Science Fiction & Fantasy

[1] Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften. In: Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt a. M. und New York 1995. S. 33- 72.

[2] „Richard Dawkins“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. Januar 2010, 11:56 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Richard_Dawkins&oldid=68855279 (Abgerufen: 6. Januar 2010, 18:17 UTC)

[3] Isaac Mensah: The Amazing VASMIR (openNASA, 25 March 2008)

[4] Lisa Grossman: Ion engine could one day power 39-day trips to Mars (New Scientist, 24 July 2009)

[5] »Zur Sonne, zur Freiheit«. Interview mit Günther Hasinger (der Freitag, 16.07.2009)

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