Mit ‘Eschaton-Reihe’ getaggte Artikel

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Charles Stross: Supernova (Eschaton-Reihe #2, 2005)

15. Dezember 2009

Cover: SupernovaCharles Stross erweitert mit Supernova den Horizont des Eschaton-Universums seines Romanerstlings Singularität sowohl mit Blick auf die Erde als auch mit der Einführung neuer Welten. Die Menschheit, von einer ihr weit überlegenden Künstlichen Intelligenz mit Namen »Eschaton« über Hunderte von Lichtjahren verstreut, ist zu einer weit ausdifferenzierten, interstellaren Spezies geworden. Auf Stross’ »Alter Erde« des 24. Jahrhunderts hat sich eine dezentrale und hochgradig automatisierte Netzwerkökonomie mit Ausstrahlung in die stellare Nachbarschaft etabliert. Politisch organisiert sich der postnationale Planet unter dem Dach der Vereinten Nationen, deren Mitglieder auch andere als ethnische oder nationale Gruppen umfassen.
Die monotheistischen Religionen sind im Niedergang begriffen bzw. stellen neben der Kosmologie und der Informatik nur eine ideologische Bezugsquelle der unzähligen Sekten der globalen Eschaton-Kultur dar. Für UN-Oberst Rachel Mansour keine ganz stressfreie Welt! Sie schlägt sich mit einer Verwaltungsbeamten der UN rum: Es geht um das liebe Geld für ihren letzten Einsatz. Vor den entsprechenden Untersuchungsausschuss zitiert, wird sie auch schon von der Polizeizentrale als einzig verfügbare Spezialistin für einen Anti-Terroreinsatz rekrutiert.

Im Mittelpunkt des Romans stehen allerdings neue außerirdische Zivilisationen mit ihren politischen Intrigen, und mittendrin die Teenage-Punkerin Wednesday. Ihre Kindheit auf der Raumstation Alt-Neufundland 4, Teil der eher randständigen Bundesrepublik Neu-Moskau, findet mit der titelgebenden Supernova ein gewaltsames Ende. Mit der Evakuierung vor der Schockwelle ohnehin schon in die prekäre Existenz von Katastrophenflüchtlingen entlassen, wird Wednesday seitdem von Mächten verfolgt, die weder Skrupel zeigen, noch daran interessiert sind, ihre Identität zu enthüllen.

Die Einzelgängerin hat nur einen einzigen Verbündeten, ihren »eingebildeten Freund« Hermann, der sich in der Not als gewandter Fluchthelfer erweist. Die Gerüchte, die Supernova sei dem Einsatz einer geächteten transtemporalen Massenvernichtungswaffe geschuldet, ruft bald Mansour und ihren Mann Martin Springfield auf den Plan. Der Verdacht fällt sofort auf Neu-Dresden, das sich mit Moskau in einem Handelsstreit befindet. Und auch »die Übermenschen« – so was wie kybernetische Nazis – haben ihre neoimperialistischen Finger im Spiel. Doch wie so oft in der interstellaren Politik, liegen die Dinge dabei nicht so einfach, wie sie zunächst scheinen …

Charles Stross tritt ein weiteres Mal gekonnt das Erbe des Crossover-Genres zwischen Cyberpunk und Space Opera an, für das Bruce Sterling mit Schismatrix den unhintergehbaren Maßstab gesetzt hat. Wieder schickt er Romanheldin Rachel Mansour in ein Abenteuer voller sozial-technologischer Phantasien, in der emanzipatorische Versprechen dicht an dicht mit Horrorszenarien liegen können. Bei aller Raffinesse im Detail macht sich der satte Umfang – diesmal sind es über 500 Seiten – einmal mehr als dramaturgischer Nachteil bemerkbar. Spätestens 75 Seiten vor dem Ende ist das politische Komplott auch für oberflächliche Leser entwirrt und aus der Handlung die Luft raus, woran auch der nachgereichte Showdown nicht viel ändern kann. Jenseits dieser verschmerzbaren Formatschwäche können die Übermenschen als Geheimbund gegen das Eschaton zu den bemerkenswerten Details von Supernova gezählt werden. Mit dieser geschickt gespielten Gut-gegen-Böse-Karte ruft Stross seiner aufgeklärten westlichen Leserschaft die bis heute fortwirkende Kraft theologischer Heilsversprechen in Erinnerung. Daneben sind die Dominanz starker Frauenrollen und deren postfeministischen Dilemmata unübersehbar.

So erweist sich zum Beispiel die Verwaltungsbeamte, an die die inoffiziell agierende UN-Agentin Mansour in Prolog und Epilog gerät, als korrupt. Rachel indes muss beim Anti-Terroreinsatz eine sexuelle Erniedrigung über sich ergehen lassen, um die Zündung eines Atombombenbausatzes zu verhindern. Darauf folgt die umgehende Hinrichtung des Vergewaltigers durch die Einsatzleiterin hinter Rachel, die pikanterweise Angestellte eines kommerziellen Polizeiunternehmens ist. Die Kindfrau Wednesday sucht, obwohl recht taff, Halt an der starken Schulter von Frank, einem durch Bürgerkriegswirren gebrochenen Online-Journalisten. Und dann ist da noch die eiskalte Staatssicherheitskommandantin der Übermenschen U. Portia Hoechst, für die Sex konsequenterweise den Status einer erlernbaren Herrschaftstechnologie hat.

Für diese zentrale Schurkenfraktion bedient sich Stross abermals eines Kunstgriffs in die Geschichtsbücher. Er greift vordergründig die politische Religion des Nationalsozialismus auf und versetzt sie in die Cyberepoche seines Eschaton-Universums. Die Übermenschen arbeiten mit Mind-Uploads und neuralen Interfaces. Letztere setzen sie für ihren Imperialismus ohne erklärten Krieg ein, indem sie vielversprechende Beamte in mittleren Laufbahnen zu ihren Marionetten machen, was die anvisierte Welt mittels Intrigen politisch destabilisiert, bis sie diese schließlich nach einigen Jahrzehnten schleichend ihrer Terrorherrschaft unterwerfen können. Die Landnahme dient ihrem höchsten Ziel, der Zerstörung des Eschatons und der Erschaffung eines Cyber-Gottes nach ihrem Bild: einem strafenden, gerechten Gott, der über das Schicksal der auserwählten Seelen richten wird, die am jüngsten Tag in sein allumfassendes Netzwerk hochgeladen werden sollen. In die reichlich angerostete Hardware aus Kruppstahl hat Stross mit anderen Worten eine Up-to-date-Conspiracy-Software installiert, die auf dem Betriebssystem der evangelikalen Fundamentalisten in den USA aufsetzt.

Einer ganz anderen, weltlichen messianischen Tradition scheint die Gottheit des Eschatons entlehnt zu sein. Stross rückt diesmal damit heraus, dass Herman nur »eine Komponente der kollektiven Intelligenz« namens Eschaton ist. Ihre Ausdehnung in der Raumzeit ist endlich und fehlbar. Das Eschaton sorgt sich um die Bewahrung der Zeitlinie, seiner posthumanen Zeitlinie. Zieht man außerdem in Betracht, dass die Füllhörner des Eschatons die multiplen menschlichen Zivilisationen auf den Stand der Produktionsmittel bringt, die Marx zu der Voraussetzung für die freie Assoziation freier Individuen gezählt hat, ist der Kern dieser Kollektiven Intelligenz made by Stross unverkennbar ein kommunistischer. Letztlich wusste bereits die Marx-MI trotz ihres heute naiv wirkenden Glaubens an den historischen Automatismus der Befreiung, dass die Geschichte von den Menschen selbst gemacht wird.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Iron Sunrise (2004)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Supernova (München: Heyne, 2005)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Stephane Martiniére, 527 Seiten, TB

Zuerst veröffentlicht in Pandora. Science Fiction & Fantasy (Online-Rezension)

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Charles Stross: Singularität (Eschaton-Reihe #1, 2005)

11. Dezember 2009

Cover: SingularitätMit Singularität eröffnet der britische SF-Shootingstar Charles Stross eine Romanfolge, die Leserinnen und Leser vierhundert Jahre in die Zukunft entführt. Auf der Erde herrscht eine produktive transhumane Anarchie, in der politische Gewalt zwar nicht überwunden, jedoch Dank erfolgreichen Abrüstungsbemühungen der UNO zum Randphänomen geworden ist. Diese Entwicklung wurde durch eine »Singularität« in Gang gesetzt, ein außergewöhnliches Ereignis gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Von einem Augenblick auf den nächsten wurden neun Zehntel der irdischen Bevölkerung auf viele hundert Lichtjahre entfernte Welten verstreut. Verantwortlich dafür war das »Eschaton«, eine mächtige Künstliche Intelligenz aus einer posthumanen Zukunft. Der Schritt ins Zeitalter interstellarer Raumfahrt hatte die Gefahr mit sich gebracht, dass die Raumzeit von den unbedarften Menschen zu Ungunsten des Eschatons auf den Kopf gestellt würde. Um derartigen Massenteleportationen künftig vorzubeugen, wurde die Bewahrung der Zeitlinie fortan zur obersten Direktive der postnationalen »Vereinten Nationen«. Und dies wird auch zur persönlichen Mission der Heldin, UN-Oberst Rachel Mansour.

»Rochards Welt«, das planetare Sibirien der »Neuen Republik«, frühmorgens: Es regnet Handys. Was zunächst irritierend an Mobilfunkwerbung erinnert, erweist sich schon bald als Einführung in eine originelle Konfrontation von zwei gegensätzlichen Lebensweisen, die den Roman bestimmt. Auf der einen Seite die 250 Lichtjahre von der Erde entfernte besagte Neue Republik, eine feudale Diktatur aus den Geschichtsbüchern Europas, die die Klassengesellschaft des 17. Jahrhunderts gegen das transhumane Zeitalter nach innen mit der Knute durchsetzt. Nach außen verteidigt sie den gesellschaftlichen Stillstand mit einer Raumflotte, die sich zumindest relativ gesehen auf dem neusten Stand der interstellaren Raumfahrttechnik befindet. Hinter dem umgehend als bedrohlich eingestuften Handyregen steckt dagegen das »Festival«. Diese »Upload-Zivilisation«, mit einem über tausend Lichtjahre von der Erde entfernten Ursprung, hat ihren Anfang mit einem Verfahren genommen, das via Hirnupload den Ausstieg in den Cyberspace erlaubt. Der schnöden wirklichen Welt mit ihrer materiellen Endlichkeit enthoben, haben die folgenden Generationen mit humanoiden Normen nur noch wenig gemein. Irgendwann machten sich »selbst-replizierende interstellare Sonden« auf den Weg, um für das Zentrum Informationen über das Universum zu sammeln. Noch am gleichen Tag, an dem sich das Festival im Orbit von Rochards Welt bemerkbar macht, erklärt die Neue Republik den mysteriösen Eindringlingen den Krieg …

Die Skeptiker unter den SF-Begeisterten haben es schon immer gewusst: Im All trifft der Mensch nur auf das Fremde in der eigenen Spezies. So auch in Stross’ überzeugender Reanimierung der Space Opera, der der Cyberpunk in den 80er Jahren den Rang als Königsdisziplin der SF abgelaufen hat. Mit dieser Rückkehr zur großen Zukunftserzählung ist auch die Liebe zum raumfahrttechnologischen Detail verbunden. Das führt dazu, dass Stross’ kenntnisreiche Spekulationen, auf welche Arten sich das Problem der Überlichtgeschwindigkeit trotz des bekannten Einsteinschen Einspruchs umgehen ließe, stellenweise die Schwelle zum wenig unterhaltsamen Astronomieseminar überschreiten. Weitaus störender macht sich Stross’ Techno-Nerdimus in den mit endlosen monotonen Befehlen inszenierten Raumschlachten bemerkbar. Was sich bei einer eventuellen Verfilmung als bombastischer Leinwandspaß erweisen könnte, wird im Romandebüt des vormaligen Computerjournalisten zum sinnlosen Entschleuniger der ansonsten auf Thrillertempo getakteten Handlung.

Erfreulicherweise ist Stross bei den Tiefenschärfen, die die Persönlichkeiten der Hauptfiguren auszeichnet, ebenso gründlich wie bei den naturwissenschaftlichen Fiktionen. Rachel Mansour vermittelt den Leserinnen und Lesern recht lebendig, wie sich transhumane Frauenpower im Dienste der UNO ausbuchstabiert. Währenddessen legt der männliche Held, Ingenieur Martin Springfield, überzeugend dar, dass die Arbeit als »Ich-AG« auch im 25. Jahrhundert ihre Licht- und Schattenseiten hat. Und wie sich Liebe und Leidenschaft zwischen Leuten jenseits des 80. bzw. 150. Geburtstags anfühlt, denen die moderne Medizin eine körperliche Konservierung als Mittzwanziger erlaubt, kommt auch ganz gut rüber.

Das Erfolgsgeheimnis von Charles Stross’ Romandebüt, dem bereits einige Erfolge mit Kurzgeschichten voran gingen, dürfte in seinen mehr oder weniger offenen Bezugnahmen auf aktuelle politische und wissenschaftliche Diskussionen verborgen liegen. Auf unterhaltsame und kreative Weise kritisiert er die gegenwärtigen Verhältnisse aus der Perspektive einer fiktiven Zukunft. Da gibt es eine Zivilisation, die sich gegen jede Veränderung sperrt; militaristisches Denken, das im »Krieg der Informationen« scheitern muss. Dem steht eine UNO gegenüber, die die Erde mit ihrem Abrüstungsregime in ein transhumanistisches Zeitalter begleitet. Es bedarf keiner außergewöhnlichen Anstrengungen, um hier den Weg, den die USA unter der neokonservativen Bush-Regierung welt- und innenpolitisch eingeschlagen hat, in der Kritik und mit Alternativen konfrontiert zu sehen. Stross tut das nicht aus dem Affekt heraus. Seine Figuren, sein Szenario sind literarische Bearbeitungen von Diskussionen aus Programmiererszene, futuristischer Philosophie und der Science Fiction selbst.

So dockt er mit dem bekannten SF-Motiv der Materiereplikatoren an die Freie-Software-Bewegung an, die auf einen öffentlich zugänglichen Quellcode zur Weiterentwicklung von Software setzt und mit Produkten wie Linux oder Mozilla Firefox bekannt geworden ist. Dabei greift der IT-Insider Stross auf das Topthema des offensiv politischen Teils dieser Bewegung – wie etwa Oekonux – zurück: die Potentiale, die dieses Prinzip zur Überwindung der kapitalistischen Überfluss- und Mangelgesellschaft haben kann. Ein weiteres Beispiel sind die Dissidenten der Neuen Republik, die als »extropianistische Postmarxisten« eingeführt werden. Den Extropianismus gibt’s wirklich. Das ist eine Technik gläubige Ideologie, die auf eine kritische wie kreative Nutzung der Nano-, Computer- und anderer Zukunftstechnologien für eine transhumanistische Evolution setzt. Als von Karl Marx inspirierter SF-Autor schenkt Stross vor allem den weit reichenden wie chaotischen Folgen dieser Evolution seine Aufmerksamkeit. Vernor Vinge schließlich hatte die Titel gebende Idee von Stross’ Roman auf den Punkt gebracht, wonach technologische und biowissenschaftliche Entwicklungen in naher Zukunft in einer Singularität gipfeln werden, die mit der Menschwerdung einer Primatengattung auf diesem Planeten vergleichbar sei. Dieser Point of no Return ist für Vinge mit der Geburtsstunde einer übermenschlichen, künstlichen Intelligenz verbunden.

In den 1980er waren es Vinge und Autoren wie William Gibson, Neal Stephenson oder Bruce Sterling, die diese Idee aufgriffen und damit eine neue Schule der Science Fiction begründeten – den Cyberpunk. Nachdem Stephensons Cryptonomicon das Subgenre aus der stilbildenden nahen Zukunft herausgelöst und zum Erstaunen des Publikums in den Zweiten Weltkrieg und die ganz nahe Zukunft verlegt hat, ist der von Stross vollzogen Schritt nur konsequent. Er versöhnt den Cyberpunk mit der Space Opera und bedient sich dabei der Stärken beider Welten. Vom Cyberpunk übernimmt er die Tuchfühlung zur Informationsgesellschaft, von der Space Opera die großartige Möglichkeit, in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Dirk Kretschmer

Originalausgabe
Charles Stross, Singularity Sky (2003)
Deutsche Erstausgabe
Charles Stross, Singularität (München: Heyne, 2005)
Dt. von Usch Kiausch, Titelbild von Stephane Martiniére, 496 Seiten, TB

Zuerst veröffentlicht in Alien Contact – Das Magazin für Science Fiction und Fantasy, Nr. 68 (2005)

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